Eros' Psyche

Die Grundlage für Vera Müllers Papierarbeiten stellen die Mythen der Antike dar. Es geht um Psyche, Aphrodite und Eros, die Protagonisten des Mythos Amor und Psyche. Der Eros, als Dämon und Mittler zwischen Göttern und Menschen, ist seit Platon ein zentrales Motiv unserer Kunst- und Kulturgeschichte. Eros bringt die Liebe – sei es die Liebe des Philosophen zur Weisheit – oder die Liebe der Menschen zueinander. Er verkörpert den Drang, das Schöne, Gute und Wahre für immer besitzen zu wollen. Damit wird der Mangel, der allen Menschen in ihrer Eigenschaft innewohnt, singuläre Wesen zu sein, überwunden.

Die Tuschearbeiten von Vera Müller lehnen an griechische Vasenmalerei an. Spezifisch für diese Arbeiten sind die Form und Interpretation der Mythen. Die Arbeit Grab des Tauchers symbolisiert den Sprung vom Diesseits ins Jenseits, oder auch das Eintauchen des Individuums in das kollektive Unbewusste. Auch hier spiegelt sich die Bewegung des Eros wieder, der den Menschen aus seiner Isolation und seinem Mangelzustand befreit.

Dieser Ordnung des Bildhaften gegenüber stehen die Aquarelle und Monotypien, die sich im Rauschhaften, dem Dionysischen beheimaten. Wie etwa bei einem spielenden Kind, oder im Zustand der Meditation verläuft hier der Entstehungsprozess. Damit markiert Vera Müller die andere Seite der Ordnung, nämlich das Gefühl des bereits Eins-Seienden mit dem Kosmos. Die Kunst fungiert hier - ähnlich wie Eros - als Vermittlerin zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen Mangel und Fülle. Schließlich findet die Fülle in der Kunst wieder zur Form; würde sie doch als Mangel am Mangel der göttlichen Welt allein gehören.

Hermine Wehr

 

Grab des Tauchers, 2010, Tusche und Aquarell auf Papier, 19,7 x 26,8 cm