Amor sucht Psyche

2008, Videoinstallation, Digital Video, 16:9, Farbe, Ton, 26:02 min

Text zur Arbeit von Hermine Wehr

In zwölf Filmsequenzen interpretiert Vera Müller den Mythos von Amor und Psyche. Bereits zu Beginn, der mit dem Bild und dem Rauschen des Meeres einsetzt, wird eine kontemplative Atmosphäre erzeugt, die sich durch die Dramatik des Mythos nicht brechen lassen soll. Das hat gewiss mit der Musikalität des gesprochenen Textes zu tun, den Vera Müller in den Formen antiker Versmaße verfasst. Der kontinuierliche Rhythmus der Sprache ist für den gesamten Film von synthetischer Wirkung.

Impressionistisch und frei sind also dann die musikalischen Elemente, die ausschließlich aus dem Werk von Maurice Ravel stammen. Sie assimilieren die Grammatik und den Inhalt der gesprochenen Worte: Die Stimme ist keinem Wesen - Amor oder Psyche - klar zuzuordnen, sondern wechselt die Perspektiven vom Du zum Ich und zum Gemeinsamen. Sowie sich die Liebenden zu Beginn stets in der Geborgenheit wärmender Dunkelheit befinden, werden sie erst durch die Verletzung Amors entzweit - es ist der Moment der Bewusstwerdung, von Individualität und Getrennt-sein. Beide leben sowohl im Glück des Einsseins, eines paradiesischen Urzustands, als auch im Drama der Entzweiung und des Schmerzes.

Die erzählerischen Perspektiven von Du und Ich sind auf tieferen Bedeutungsschichten als verschiedene Ebenen, oder auch Phasen des Ich zu bezeichnen: In welchen Unbewusstsein und Bewusstsein (noch) eine Einheit sind, in welchen das Geschlecht, ebenso wie das von Amor und Psyche, ein androgynes ist, in welchen wir Distanz zu uns selbst gewinnen und die Persönlichkeit nicht mehr zwingend eine Einheit ist.

So ist auch die Zeit, die Psyche allein verbringt. Allein gelassen und qualvoll zerissen versucht sie die ihr von Venus übertragenen Aufgaben zu lösen. Doch stets findet sie Helfer aus der Natur, die auf die Mobilisierung ihrer eigenen, tieferliegenden Kräfte hinweisen.

Die filmischen Bilder, stets Naturaufnahmen, strahlen erhabene Schönheit aus, unterdessen sie sich mit den Metaphern und Ekphrasen der Verse vermengen und überschneiden. In medialer Hinsicht sind die Grenzen von Bild und Sprache aufgehoben, wodurch der Eindruck von Raum- und Zeitlosigkeit entsteht und sich die meditative Atmosphäre kontinuierlich vertieft. Dies als Basis, werden Drama und Paradies, Schönheit und Hässlichkeit, Verzweiflung und Glück in der Liebe, Neid und Zuneigung als Gegensätze im Sinne eines wirklich romantischen Impulses verbunden.

Vera Müllers intensiver Bezug zum Mythos von Amor und Psyche und seine filmische Umsetzung sind auf ein Gedicht von Ezra Pound zurückzuführen: Text für Psyche aus dem goldenen Buch des Apuleius. Der gesamte Film ist im Sommer 2008 in Italien an vielen verschiedenen Orten entstanden, vor allem in Saturnia, am Nemisee, in San Felice Circeo, in Cumae und Paestum.

 

 

Ermöglicht durch eine Förderung der ERWIN UND GISELA VON STEINER-STIFTUNG.